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Klettern, lieben und reisen – geht das überhaupt?
Klettern&Bouldern

Klettern, lieben und reisen – geht das überhaupt?

Reisen und dabei klettern zu gehen, klappt ganz gut, aber was passiert eigentlich mit der Liebe?
Felix und Nina, das kletternde Pärchen von Climb Love Travel, berichtet von den Liebeshürden des Camperlebens.

Das Leben im Van unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von dem „normalen Dasein“, dem Wohnen im Eigenheim oder dem Leben in der gemieteten Dreizimmerwohnung. Klar, man ist mobil, kann überall hin. Ganz ungebunden kann man jeden Tag aufs Neue entscheiden mit welchem Panorama der nächste Tag beginnen soll. Fantastisch! Anstatt gelangweilten Zappens durch das abendliche Fernsehprogramm und dem Gefühl, dass uns Zuhause die Decke auf den Kopf fällt, bedeutet das Leben im Van für uns als junges Pärchen romantische Sonnenuntergänge, selbstgekochtes Abendessen mit Meerblick und Sternenhimmel vorm Einschlafen. Idylle und Romantik, pures Urlaubsgefühl!

Aber was, wenn mal etwas schief läuft?
Wenn es Schluss ist mit der Romantik und sich das junge Pärchen mal in die Haare bekommt?

Streit im Urlaub?!
Ja, man kann es kaum glauben, aber das kann passieren. Auch wenn man stets nur vom perfekten Urlaub hört – Idylle, Sonnenschein und Liebe – ist dies wohl die meist vorkommende Übertreibung überhaupt. Urlaub ist nicht immer „perfekt“ und schon gar nicht, wenn man über ein Jahr lang unterwegs ist.

Aber was, wenn man dem eigenen Partner mal nicht aus dem Weg gehen kann?
Wenn einem zwar die Welt offen steht, aber man zusammen auf nur 5 m2 Fläche wohnt, die gleichzeitig Küche, Schlafzimmer und Wohnzimmer bilden?!

Ja, das Leben im Campervan kann auch kompliziert sein und die Suche nach einem Rückzugsort sehr schwierig. Einfach rausgehen und sich eine Stunde lang nicht blicken lassen? Gar nicht mal so einfach, wenn man entweder gerade auf der Autobahn im Stau steht, es draußen aus Kübeln regnet oder man sich gerade für die einsame Übernachtungsstätte mitten im dunklen Wald entschieden hat.

Während es an Rückzugsorten mangelt, gibt es auf solch einer Reise aber reichlich Stressoren und Anlässe zum Streiten: „Hätten wir da nicht rechts gesollt?“ „Hast du eigentlich auch an mein Kopfkissen beim Packen gedacht?“ „Hier stehen wir viel zu schief zum Übernachten!“ „Ich will endlich wieder gescheit duschen!“ „Hier ist es nachts viel zu kalt!“ So einfach das Leben draußen manchmal ist, so kompliziert kann es auch sein. Sehe ich jemanden mit dem „Live-Simply-Shirt“ von Patagonia, schüttel ich ihn und schreie: „Ich versuche es doch!“.

Zu den Hürden des Campinglebens kommen natürlich auch noch die ganz normalen Qualen, die man als ambitionierter Kletterer erleidet: Das Projekt ist immer noch nicht durchgestiegen, man ist unerwartet aus einer viel zu leichten Tour rausgefallen, kurz vorm Umlenker ist im Onsight der Fuß abgerutscht oder der 5-Meter-Runout hat einen nahe an den Nervenzusammenbruch gebracht. Ja, beim Klettern kann auch Frust aufkommen, und ja, den kann auch schon mal der Partner oder die Partnerin abbekommen! Addiert man also Camper- und Kletterleben kommt eine Menge Frustpotenzial zusammen und wo Frust und Stress aufkommt, kommt auch Streit auf.

Aber wie kann man damit umgehen? Warum überhaupt in Urlaub fahren, wenn man doch nur streitet?

Die Lösung des Problems liegt – wie immer – im Problem selbst.

Wer als Paar in Urlaub ist, hat viel Zeit miteinander, wer ein Jahr lang zusammen auf engstem Raum miteinander lebt, hat noch mehr gemeinsame Zeit. Das kann zunächst als Problem erscheinen: Freiräume werden geringer, Rückzugsorte rar und die Privatsphäre verschwindet nahezu.

Doch während all dies geschieht, findet auch eine Intensivierung des gemeinsamen Erlebens statt. Während das Ich an Freiräumen verliert, wird das Wir gestärkt. Den Partner morgens beim Aufstehen zu sehen, mittags beim Klettern und abends beim zu Bett gehen, hinterlässt ein intensives Gefühl der Gemeinsamkeit.

Gemeinsam verbrachte Zeit schweißt zusammen und intensive Erlebnisse schweißen noch intensiver zusammen. Es ist nicht nur, dass man sich gegenseitig immer besser kennenlernt und immer genauer weiß, was der andere zu welchem Zeitpunkt braucht, sondern auch, dass äußere Faktoren wie zum Beispiel ein Streit über den nächsten Übernachtungsort oder schlechte Laune wegen des gescheiterten Kletterprojekts für die Beziehung immer irrelevanter werden.

Stress und Streitereien können nicht mehr an den Grundmauern der Beziehung rütteln. Wer viel Zeit miteinander verbringt, erlebt viel Positives wie auch Negatives zusammen, doch vor allem wird viel Zeit miteinander verbracht. Gelassenheit und Ruhe kehren ein, nach einem Streit kann man sich wieder vertragen, das Kissen wird geteilt und nächstes Mal wird links abgebogen, so wie der andere es sagt! Die gemeinsame Zeit also, die man in einem langen Urlaub hat, bringt viel Tückisches und verleitet zum Streit, doch dieselbe gemeinsame Zeit lehrt auch mit Stress gemeinsam umzugehen und lässt uns unseren Partner besser kennenlernen.

Die Nähe, die wir durch unseren momentanen Lebensstil zueinander haben, ist enorm und lässt unseren Urlaub sehr lebendig erscheinen.

Fragt man uns also, ob wir uns denn überhaupt so lange im Urlaub vertragen oder auch mal streiten lautet die Antwort: „Wir? Streiten?! Wir sind doch im Urlaub!“


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